Im Traume, und schon in jenem Zustande des Deliriums, der meist vor dem Einschlafen vorhergeht, scheint die Seele zum Teil eine ganz andere Sprache zu sprechen, als gewöhnlich.
Gewisse Naturgegenstände oder Eigenschaften der Dinge, bedeuten jetzt auf einmal Personen und umgekehrt stellen sich uns gewisse Eigenschaften oder Handlungen, unter dem Bilde von Personen dar. So lange die Seele diese Sprache redet, folgen ihre Ideen einem andern Gesetz der Assoziation als gewöhnlich, und es ist nicht zu leugnen, daß jene Ideenverbindung einen viel rapideren, geisterhafteren und kürzeren Gang oder Flug nimmt, als die des wachen Zustandes, wo wir mehr mit unsern Worten denken.

Wir drücken in jener Sprache durch einige wenige hieroglyphische, seltsam aneinander gefügte Bilder, die wir uns schnell nach einander, oder auch neben einander und auf einmal vorstellen, in wenig Momenten mehr aus, als wir mit Worten in ganzen Stunden auseinanderzusetzen vermöchten; erfahren in dem Traume eines kurzen Schlummers öfters mehr, als im Gange der gewöhnlichen Sprache in ganzen Tagen geschehen könnte, und zwar das Alles öfters ohne eigentliche Lücken, in einem in sich selber regelmäßigen Zusammenhange, der nur freilich ein ganz eigentümlicher, ungewöhnlicher ist.
So wurden in jenem merkwürdigen, aus Moritz Magazin zur Erfahrungsseelenkunde bekanntem Falle einem gewissen wackren Manne, in einem von ihm oft erzählten und schriftlich aufgefetzten nächtlichen Traume, alle Schicksale seines vergangenen Lebens, in einer sich schnell folgenden Reihe von Bildern vorgestellt.
Alles, auch das, wessen er sich im wachen Zustand kaum bewußt war, sahe und erkannte und fühlte er hier, gleichsam in einen ihm vorgehaltenen Spiegel blickend, aufs Lebhafteste und Deutlichste, und nachdem sich ihm so, in wenig Augenblicken, die Geschichte eines ganzen Lebens wiederholt und recht eigentlich erneuert hatte, erwachte er durch die große Lebhaftigkeit, womit die eine Szene des verflossenen Lebens sein Gefühl ergriffen hatte.
Er schlief noch einmal ein, und nun wurde ihm, in Bildern, welche seiner Seele sehr leicht und tief verständlich waren, das Schicksal aller der noch lebenden oder bereits verstorbenen Menschen gezeigt, welche er jemals in seinem Leben hatte kennen gelernt. Er erwachte von neuem, nachdem er dies alles, in vielleicht nur wenigen Minuten, im Traum erfahren und erlebt hatte, stund heftig bewegt auf und legte sich erst gegen Morgen um drei Uhr, von neuem zur Ruhe. Er schlief ein und träumte noch einmal einen Traum, worin er nicht bloß über den früher gehabten Traum nachdachte, sondern über dies ein Gedicht über sein gehabtes Nachtgesicht verfertigte und dieses zugleich in Musik setzte. Auch diese Arbeit, wozu ihm vielleicht im Wachen ein ganzer Tag vergangen wäre, hatte er in den wenigen Augenblicken des Traumes vollendet, dessen Empfindung so lebhaft war, daß er beim Erwachen Gedicht so wie Komposition, ohne Schwierigkeit niederzuschreiben vermochte.
So zeigte sich auch, nach seiner eigenen Erzählung, dem berühmten Cardan, das Schicksal ganzer Lebensjahre öfters in einem einzigen Bild des nächtlichen Traumes. Viele haben das, worüber sie sich im gewöhnlichen, wachen Zustande, ganze Tage und vielleicht auch da noch vergebens würden abgemüht und abgearbeitet haben, in einem einzigen glücklich kombinierenden Blick des Traumes gefunden und vollendet.
Ja nicht bloß vermag der Traum in seiner Bildersprache, deren Bedeutung der Menschenseele meist sogleich klar ist, Begebenheiten des wachen Lebens, welche in sich selber aus den mannigfaltigsten einzelnen Umständen und Beziehungen zusammengesetzt waren und zu ihrem ganzen Verlaufe Monate und Jahre bedurften; Dinge, die sich in der Wortsprache nur durch eine sehr zusammengesetzte Reihe von Vorstellungen und Gedanken darstellen und klar machen lassen, öfters mit Blitzesschnelle, auf einen einzigen Blick zu enthüllen, sondern es scheint auch seine magische Darstellungsgabe in gewissen Fällen sogar noch auf das Jenseits hinüber zu reichen, und es wird z.B. jenem frommen Dietrich von Werthern, von welchem Erasmus Franzisci erzählt, im Traum sein nahes Ende auf eine Weise vorausverkündigt, welche auf das, was für ihn jenseits liegt, einen Schluß machen läßt.

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